Konferenzbericht ‚Ethik und Transparenz in der Bekleidungsindustrie‘

„Das war super!“ So lautet der Kommentar von Lars Wittenbrink, Ladeninhaber des Ethical-Fashion-Store ‚gruene wiese‘ und Referent unserer Konferenz ‚Ethik und Transparenz in der Bekleidungsindustrie‘ in seinem aktuellen Blogbeitrag. Diesem Fazit können wir uns nur anschließen. Die Konferenz fand im Rahmen unseres Projekts FairSchnitt am 18. und 19. Oktober 2012 im Wissenschaftspark Gelsenkirchen mit 75 Teilnehmer_innen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik statt. Zehn Mode-Hochschulen in Deutschland waren mit 50 Studierenden vertreten, vier Hochschulen wurden von Dozent_innen repräsentiert und vorgestellt. Ermöglicht wurde die Konferenz durch die finanzielle Unterstützung seitens des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

In ihrer Begrüßung hob Dr. Gisela Burckhardt von FEMNET hervor, dass „wir um unserer eigenen Glaubwürdigkeit willen nicht zulassen dürfen, dass die Gier nach Gewinn der höchste Wert in unserer Gesellschaft ist.“ Staatssekretär Dr. Günther Horzetzky vom Wirtschaftsministerium NRW forderte zur Eröffnung der Konferenz von der Bekleidungsindustrie, CSR als Teil des Risikomanagements zu betrachten und den Zulieferunternehmen als Partner auf Augenhöhe zu begegnen. Um dies zu erreichen, müsse auch über die Anzahl der Zulieferbetriebe in der Bekleidungsindustrie nachgedacht werden.

Mit seinem Impulsvortrag über die Moralisierung der Märkte führte Dr. Ulrich Thielemann von der Denkfabrik für Wirtschaftsethik in das Konferenzthema ein. Den Bürger_innen sei es nicht mehr egal, was sie kaufen, wie es hergestellt wird und unter welchen Bedingungen. Es gehe um Legitimität, Verantwortbarkeit und Fairness. Thielemann führte aus, dass die ökonomischen Wissenschaften ‚dogmatisch verkapselt und paradigmatisch zu öffnen‘ seien. Die Botschaft der Ökonomen als die prominentesten Fürsprecher des Marktes prägten die Denke aller ökonomischen Entscheidungsträger. BWL-Studierende würden so ausgebildet, dass nur das ‚Wie‘ wichtig sei, unabhängig davon, ob es verantwortbar sei. Das alles überragende Hauptproblem sei aber die gigantisch angewachsene Macht des Kapitals, wodurch Standorte gegeneinander ausgespielt werden könnten. Eine globale Regulierung sei erforderlich, alle Akteure müssten einbezogen werden. Anders sei eine Moralisierung nicht möglich.

In dem sich anschließenden Podiumsgespräch diskutierte Dr. Gisela Burckhardt mit Dr. Ulrich Thielemann, Kathrin Hartmann (Autorin/Journalistin), Dr. Christoph Schäfer (Verband textil+mode) sowie Achim Lohrie (Leitung CSR Tchibo) wie es um die Ethik in der Bekleidungsindustrie bestellt ist und ob und welche Verbesserungen für die Beschäftigten in den Produktionsländern eingetreten seien. Es wurde auch hinterfragt, was denn die Branche gegen ‚greenwashing‘ unternimmt und schließlich wie sich die Unternehmen für Absolvent_innen attraktiv machen.

Workshops am Nachmittag boten reichlich Gelegenheit zum Erkenntnisgewinn. Favorit der Studierenden war klar das Thema ’Ökofaire Mode – Unternehmen mit nachhaltigen Konzepten‘ mit Lars Wittenbrink. Aber auch zwei weitere Workshops waren gut besucht. ‚Verhaltenskodizes und Sozialaudits – was bringen sie den Näherinnen?‘ mit Christiane Schnura von der Kampagne für Saubere Kleidung und ‚CSR-Tests von Bekleidung durch die Stiftung Warentest‘ mit Nicole Merbach von der Stiftung Warentest regten die Teilnehmer_innen zu intensivem fachlichen Austausch und Diskussionen an.

Das Abendprogramm bestritten die Studierenden mit der Vorstellung ihrer Projekte. Auf hohem Niveau und mit großer Professionalität präsentierten Barbara Brunner und Mariano Camoiras Gonzalez von der FH Hannover das Projekt ‚Restlos‘ von Beatrix Landsbeck sowie Simone Austen ihre Bachelor-Arbeit ‚Zer08/15‘. Bei ‚Restlos‘ geht es um Re- und Upcycling von Altkleidern und Stoffen. ‚Zer08/15‘ ist ein Konzept, bei dem Zuschnitte ohne Verschnitt entstehen. Anna Johannsen, Absolventin des Masterstudiums ‚Sustainability in Fashion‘ an der ESMOD Berlin präsentierte ihren Ansatz ‚Save Nature, Stay in the City‘.

Der zweite Konferenztag begann mit sommerlichen Temperaturen und drei weiteren Workshops: ‚Multi-Stakeholder-Initiativen am Beispiel der Fair Wear Foundation‘ wurde von Gisela Burckhardt in Vertretung für die erkrankte Stefanie Santila Karl vorgetragen. ‚Recycling, Upcycling und Alternative Modekonzepte‘ lautete das Thema des Workshops von Fredericke Winkler sowie ‚Kurs halten im Label-Dschungel – Wie sich Unternehmen orientieren können‘ mit Prof. Norbert Henzel, der leckeres Anschauungsmaterial mitgebracht hatte.

Gespannt wurde das zweite Podiumsgespräch der Konferenz erwartet, das wegen Erkrankung leider ohne Stefanie Santila Karl von der Fair Wear Foundation stattfinden musste. Gisela Burckhardt diskutierte unter reger Publikumsbeteiligung zum Thema ‚Transparenz und Glaubwürdigkeit‘ mit Dr. Michael Arretz, KIK Geschäftsführung Kommunikation, CSR, Qualität und Rolf Heimann, Leiter Bereich Innovation & Ökologie von hessnatur.

Dr. Arretz verwies auf den ersten Nachhaltigkeitsbericht von KIK aus dem Jahr 2011, der ein Transparenzbeweis und ein wichtiges Management-Instrument für die Fachabteilungen sei. Kritisch wurde ihm entgegen gehalten, dass es Schönfärberei gleich käme, wenn man einige positive Beispiele herausstelle, die Masse der Produktion aber eben nicht in den Vorzeigefabriken hergestellt würde.

Das Unternehmen hessnatur erstellt jährlich im Rahmen der Mitgliedschaft bei der Multi-Stakeholder-Initiative (MSI) Fair Wear Foundation einen Sozialbericht, den Gisela Burckhardt transparenter findet als den Nachhaltigkeitsbericht von KiK. Laut Rolf Heimann soll er in Zukunft unter Ausweitung auf weitere Themen zu einem Nachhaltigkeitsbericht ausgebaut werden. Heimann betonte, dass ein solcher Bericht immer nur über einen Zwischenzustand informieren könne. hessnatur habe schon immer hohe Ansprüche verfolgt, zukünftig soll das auch anhand von Indikatoren erfasst und verifiziert werden. Heimann führt aus, was für ihn ‚awareness‘ bedeutet: sich den Herausforderungen stellen, sich verbessern, sich weiter entwickeln. Bereits seit Jahren unersuche das Unternehmen als Mitglied der FWF Wege, wie Zulieferbetriebe von Mindest- zu existenzsichernden Löhnen und zu kürzeren Arbeitszeiten kommen können. Die große Chance einer MSI sei, gemeinsam Probleme zu analysieren und Lösungen zu entwickeln, also nicht nur zu reagieren sondern zu agieren.

Auch Dr. Michael Arretz stimmt der Auffassung zu, dass die Löhne bei den Lieferanten erhöht werden müssen, es könne aber nur branchenweit funktionieren. Die Lieferanten arbeiteten schließlich für zahlreiche Handelsunternehmen, die müssten zusammen ‚ins gleiche Horn stoßen‘. Außerdem würden die Regierungen und die Unternehmerverbände vor Ort nicht mitziehen.

Zu der Brandkatastrophe in Karachi befragt, bei der 318 Menschen ihr Leben verloren und zahlreiche Arbeiter_innen schwere Verletzungen davon trugen, konnte der KIK-Manager nicht erklären, wie das Unglück passieren konnte, obwohl die Fabrik kurz vorher nach dem höchsten Sozialstandard SA8000 auditiert worden war. KiK wurde für die mangelnde Bereitschaft, mit lokalen Gewerkschaften zusammenzuarbeiten, kritisiert.

Zum Abschluss des Tages stellten Herr Prof. Kugler und Sandra Ritter von der HAW Hamburg die Symposium-Reihe ‚GREEN CYCLES – Social Responsability im Textilen Kreislauf‘ vor, die sich als Plattform für Studierende, Lehrende und Industrie versteht mit dem Ziel zu informieren, anzuregen, zu visualisieren und zu sensibilisieren.

Auch der Fachbereich Textil- und Bekleidungstechnik der Hochschule Niederrhein widmet sich innerhalb seiner Veranstaltungsreihe ‚Speakers Corner‘ dem Thema Nachhaltigkeit. Für den nächsten Termin am 20.11.12 sind Gäste zum Thema CSR in der Bekleidungsindustrie und Nachhaltigkeit in der textilen Kette geladen.

Aufgrund des regen Interesses an der Konferenz hat FEMNET beschlossen, im Jahr 2014 erneut eine Konferenz zu organisieren.

Cornelia Korte, Projekt FairSchnitt


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