Hintergrund: Der bangladeschische Textilsektor

Bangladesch gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Es hat eine Bevölkerung von 156 Millionen Menschen, 64 Millionen leben unterhalb der Armutsgrenze von 2100 Kalorien/Tag, sie leben also unter dem Existenzminimum.

Die Bekleidungsindustrie ist der größte Devisenbringer Bangladeschs, rund 80% seiner Exporterlöse stammen aus diesem Bereich. Seit 1990 hat sich der Sektor stark entwickelt. Lag der Wert der Exporte 1990 noch bei 600 Millionen US-Dollar, stieg er bis 2010 rasant an - auf 15 Milliarden Dollar. (1)

Bangladesch hat kürzlich Indien als zweitgrößten Strickwarenexporteur der Welt überholt und liegt nun nur noch hinter China.

{slider=Mehr}Die großen Produzenten von Bekleidung in Asien sind China, Indien, Bangladesch, zunehmend auch Vietnam und Kambodscha. Die meiste Kleidung importierte Deutschland im Jahr 2011 aus: China (im Wert von 8,9 Mrd EUR), Türkei (rund 3,2 Mrd. EUR), Bangladesch (rund 2,8 Mrd. EUR) und Indien (1,3 Mrd. EUR).(2)

Laut der Zeitung Daily Star aus Dhaka(3) stieg im Steuerjahr 2010/11 der Export von Strickwaren allein nach Europa gegenüber dem Vorjahr von 4.71 Mrd USD auf 6.9 Mrd USD. Gründe für diese enormen Steigerungen liegen zum einen in der Verteuerung Chinas als Produktionsstandort und Abwanderung von Einkäufern nach Bangladesch. Selbst, wenn Bangladesch seine Mindestlöhne erhöhte, was dringend nötig wäre, würde es immer noch mit Abstand das Land mit den niedrigsten Löhnen weltweit in der Bekleidungsindustrie bleiben.

Zum anderen liegen sie an der Veränderung der Zollbefreiung zum EU-Markt für Entwicklungsländer. Seit Januar 2011 gibt es nicht mehr die Auflage, dass ein bestimmter Anteil an Vorprodukten der Kleidung auch aus dem exportierenden Land stammen muss. Da Bangladesch selber wenig Baumwolle anbaut und verarbeitet, sondern den Stoff häufig (aus China und Indien) importieren muss, gab es hier bisher Beschränkungen bei der Produktion, die nun weggefallen sind. Außerdem gehört Bangladesch zu der Gruppe der ärmsten Länder der Welt und darf ohnehin zollbegünstigt Kleidung nach Europa und in die USA ausführen.{/slider}

Jeans aus Bangladesch

Laut Statistischem Bundesamt kamen im Jahr 2008 über die Hälfte (54,5%) aller nach Deutschland eingeführten Jeans aus China und Bangladesch. Aus China importierte Deutschland im Jahr 2008 48,5 Millionen Jeans im Wert von 335,8 Millionen Euro, aus Bangladesch 28,6 Millionen Stück für 135 Millionen Euro. Die Jeans aus China kostete 6,93 Euro, die aus Bangladesch nur 4,72 Euro.

Dabei sind Bangladeschs Voraussetzungen im Vergleich zu den "großen" Textilexporteuren wie Indien oder China relativ schlecht. Während Indien und China die gesamte Wertschöpfungskette im eigenen Land haben - vom Baumwollanbau bis zur Konfektion- besitzt Bangladesch kaum Vorleistungsindustrien und muss Garne oder Stoffe aus dem Ausland importieren. Dennoch kann Bangladesch durch sehr viel niedrigere Lohnkosten auch niedrigere Preise anbieten. Der Einkauf erfolgt also zu Lasten der Arbeiterinnen, die mit Löhnen unter dem Existenzniveau die billigen Jeans in Europa ermöglichen.

Beschäftigung in der Bekleidungsindustrie

Die Bekleidungsindustrie in Bangladesch beschäftigt in ihren 4.000 bis 5.000 Fabriken circa 2,2 Millionen Menschen, etwa 87% davon sind junge Frauen. Frauen über 30 Jahre werden als zu alt betrachtet, die den ungeheuren Arbeitsdruck nicht mehr aushalten können. Die jungen Frauen stammen zumeist aus ländlichen Gebieten.

Aufgrund einer geringen Schulbildung und des Arbeitsplatzmangels in den ländlichen Regionen sind sie gezwungen, in die Städte zu ziehen, um dort Geld zu verdienen. Trotz größtenteils miserabler Arbeits- und Sozialstandards bietet die Bekleidungsindustrie für die Frauen oft die einzige Möglichkeit, ein Einkommen zu erzielen. Die jungen Frauen unterstützen mit ihrem Einkommen ihre Eltern auf dem Land und sind oft Alleinernährerin ihrer Kinder und Ehemänner, die häufig arbeitslos sind.

Allerdings ist mit der Arbeit in einer Fabrik auch ein Gesichtsverlust verbunden, denn dort sind sie den Blicken von Männern ausgesetzt und nicht nur das: Sie werden häufig sexuell belästigt, gedemütigt und beschimpft. Andererseits gewinnen sie durch ihr Einkommen, das eben häufig nicht nur ein "Zuverdienst" ist, sondern die Haupteinkommensquelle der Familie, eine gewisse ökonomische Unabhängigkeit, die wiederum ihr Ansehen und Selbstbewusstsein stärkt.

Feuerausbrüche in den Fabriken

In Bangladesch brechen immer wieder Feuer in den Fabriken aus oder diese stürzen zusammen. Die große Zahl an Bränden und die vielen Toten in den Textilfabriken in Bangladesch haben mit der laxen Handhabung von Sicherheitsmaßnahmen zu tun. Elektrokabel hängen frei im Raum, Feuerlöscher sind nicht vorhanden, Notausgänge sind verschlossen, Fluchtwege versperrt.

Weitere Informationen zu den verheerenden Bränden.

Verfolgung von GewerkschafterInnen, Lohnkämpfe

Wollen sich die Frauen organisieren, werden sie entlassen. Deshalb ist auch nur ein kleiner Teil der Näherinnen gewerkschaftlich organisiert. Die Angst, die Arbeit zu verlieren, ist zu groß und zudem bleibt kaum Zeit für gewerkschaftliche Arbeit, die nach der Arbeit gemacht werden muss, wenn man bis in die Nächte hinein schuftet. Dennoch sind die Gewerkschaften sehr aktiv, organisieren Sit-ins und Streiks. Sie sind allerdings auch in viele Gruppen zersplittert, was ihre Schlagkraft schwächt.

{slider=Mehr}GewerkschafterInnen riskieren auch ihr Leben. Im Juni 2009 wurden bei Zusammenstößen zwischen der Polizei und streikenden TextilarbeiterInnen zwei Menschen getötet, als die Sicherheitskräfte mit Tränengas und Gummigeschossen gegen Teilnehmer einer Protestkundgebung vorgingen. Die Arbeiterinnen protestierten gegen Lohnkürzungen.

Kalpona Akter vom Bangladesh Centre for Worker Solidarity wurde 2010 zusammen mit 11 anderen verhaftet. Sie verbrachte 30 Tage in Haft, wurde geschlagen, inzwischen ist sie auf Kaution frei gelassen worden, muss jedoch regelmäßig zu Gerichtsverhandlungen erscheinen. Sie und die anderen erwartet ein Prozess, denn ihnen wird vorgeworfen, Unruhestifter zu sein. Sie ließ sich nicht einschüchtern und setzte sich für höhere Löhne und mehr Rechte für die ArbeiterInnen ein.

Im Sommer 2010 gab es zahlreiche Unruhen wegen der Hungerlöhne, die die Fabriken den ArbeiterInnen zahlten. Die Regierung erhöhte schließlich den Mindestlohn auf 3.000 Taka (30 EUR), die Gewerkschaften verlangten allerdings 50 EUR als Minimum zum Überleben. Laut Asia Floor Wage (AFW) ist allerdings ein Grundlohn von 116,- EUR nötig, um eine vierköpfige Familie zu ernähren.(4) Derzeit verlangen Gewerkschaften subventionierte Nahrungsmittel für NäherInnen (Reis, Linsen, Weizen, Speiseöl, Zucker u.a.), weil die Löhne inzwischen wieder zu niedrig sind, um die stetig steigenden Preise zahlen zu können.

Eine Sozialversicherung steht oft nur auf dem Papier, Krankheitskosten werden selten übernommen. Erschöpfungsbedingte Krankheiten sind weit verbreitet. Im Mai 2009 wurde aufgedeckt, dass in einer Fabrik, in der Metro produzieren lässt, eine 18-jährige Frau wegen Erschöpfung starb. Eine beantragte Krankschreibung war ihr vom Fabrikmanagement verwehrt worden. In dieser Fabrik mussten Näherinnen sieben Tage und bis zu 97 Stunden pro Woche arbeiten.{/slider}

Mangelnde Durchsetzung von Recht

Die rechtliche Situation ist in Bangladesch nicht einmal schlecht: Die bangladeschische Rechtsordnung enthält eine Vielzahl von Schutzmaßnahmen. Das Problem liegt vor allem in der mangelnden Durchsetzung von Recht durch die Behörden und einem fehlenden wirksamen Rechtsschutz für die Betroffenen. Mangelnde Kontrollen, schwach ausgebildete Rechtsstaatsstrukturen, unterbesetzte und unterfinanzierte Gerichte, Korruption und Vetternwirtschaft sind weit verbreitet.

Das Land hat sieben der acht ILO-Kernarbeitsnormen ratifiziert, ebenso die drei wichtigsten internationalen Menschenrechtsabkommen mit arbeitsrechtlichen Bezügen. Seit dem Erlass des nationalen Arbeitsgesetzes im Jahr 2006 hat sich der Arbeitnehmerschutz leicht verbessert.  So deckt das Arbeitsgesetz etwa die Bereiche Belästigung und Diskriminierung, Kinderarbeit, Mitgliedschaft in Gewerkschaften, Urlaubsregelungen und Sicherheit am Arbeitsplatz vollständig ab. Gleichzeitig enthält es noch Schwachstellen in Hinblick auf Mindestalter und Niedriglöhne.

Sit-in, 16.1.2012 Forderung nach Verbesserung der Arbeitsgesetzgebung von 2006

Sit-in am 16.1.2012:
Forderung nach Verbesserung der Arbeitsgesetzgebung von 2006

 

Quellenangaben:

1. Vgl. Mc Kinsey, Bangladesh's ready-made garments landscape: The challenge of growth, Frankfurt 2011 

2. Ranglisten für den Außenhandel Deutschlands nach Warenkategorien, www.een-bayern.de

3. Daily Star aus Dhaka vom 3.10.2012

4. http://www.asiafloorwage.org/asiafloorwage-media.htm


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