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Blog 2015

08.12.2017: Das Textilbündnis: Rückblick auf das Jahr 2017 und Ausblick auf 2018

Steuerungskreis des Textilbündnisses bei der Klausurtagung  am 23.11.2017. Foto: ©  TextilbündnisSteuerungskreis des Textilbündnisses bei der Klausurtagung am 23.11.2017. Foto: © TextilbündnisDas Textilbündnis besteht nun schon seit drei Jahren, aber erst seit Juni 2015 erfolgte der breite Beitritt der Textil(handels)unternehmen. Heute sind rund 90 Unternehmen Mitglied, sie verantworten rund die Hälfte des Textilienumsatzes in Deutschland. Außerdem sind Bundesregierung unter Federführung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), rund 20 NROs, Standardorganisationen wie GOTS und Fairtrade und Gewerkschaften im Bündnis je nach Organisation unterschiedlich aktiv.

Mit dem Jahr 2017 geht eine intensive Testphase im Textilbündnis zu Ende: Alle Mitglieder mussten individuelle Aktionspläne (sog. Roadmaps) für das Jahr 2017 erstellen. Diese Aktionspläne wurden einer gründlichen Prüfung unterzogen, ob sie den selbstgesetzten Zielen des Bündnisses entsprachen und einen Fortschritt für das jeweilige Mitglied darstellten. Und schließlich verabschiedete der Steuerungskreis des Textilbündnisses Ende November verbindliche Zeit- und Mengenziele für die Jahre 2018 bis 2020, die jedes Mitglied bearbeiten muss. Es ist also viel geschehen im Textilbündnis – und dennoch stehen auch für das Jahr 2018 wichtige Weichenstellungen an.

Das Textilbündnis will Wirkung über drei Säulen entfalten:

  1. Reviewprozess: In dieser Säule geht es um die individuelle Verantwortung eines jeden Mitglieds, die in der Erstellung einer eigenen Roadmap (ein Set von Maßnahmen) pro Jahr und die Berichterstattung im Folgejahr über die Umsetzung der Roadmap besteht. Hier wurde in diesem Jahr Pionierarbeit geleistet: Kriterien und Indikatoren mussten erstellt werden, die als Vorgaben und Richtschnur für die Erstellung der Roadmap gelten sollten. Es gab viele heiße Diskussionen in den Fach-Arbeitsgruppen Chemikalien- und Umweltmanagement, Naturfasern, Sozialstandards und existenzsichernde Löhne sowie der AG Review-Prozess.
  2. Bündnisinitiativen: In dieser zweiten Säule geht es um die Bündelung von Umsetzungsaktivitäten zu einem Thema von mehreren Mitgliedern, zumeist in den Produktionsländern. Bei den Bündnisinitiativen handelt es sich nicht um Kleinprojekte, sondern sie zielen auf breit angelegte systemische Veränderungen ab. Die Annahme dahinter ist, dass viele Problemstellungen in den Lieferketten gemeinsam effektiver angegangen werden können. Hier hat FEMNET den Vorschlag einer Bündnisinitiative zur Verbesserung der Situation der 14 bis 18jährigen Mädchen in den Spinnereien in Tamil Nadu, im Süden Indiens, auf Vorschlag unseres Partners in Indien eingebracht. Vier Unternehmen (Otto, Tchibo, Hugo Boss, KiK) unterstützen die Initiative, es gab bisher zwei Reisen nach Indien und einen Kick-off-Workshop. In insgesamt 300 Spinnereien sollen Trainings für und mit den Mädchen durchgeführt werden, damit sie ihre Rechte kennen und einfordern lernen sowie parallel ein Dialog zwischen NRO, Unternehmen und Regierung initiiert werden. Es gibt drei weitere Bündnisinitiativen: a) Chemikalienmanagement in Bangladesch und China, b) Wassermanagement in Pakistan und c) Saatgutverfügbarkeit in Zentralasien. Alle Bündnisinitiativen kranken allerdings an einer zu geringen Beteiligung von Mitgliedern.
  3. Lernplattform: Das Textilbündnis stellt auch eine Lernplattform für die Mitglieder dar.

Zum Review-Prozess im Jahr 2017

Die Entwicklung dieses Prozesses stand in diesem Jahr im Vordergrund. Alle Mitglieder mussten individuelle Roadmaps einreichen und sich anhand eines vorgegebenen Indikatorenrasters Ziele in den Bereichen 1. Sozialstandards und existenzsichernde Löhne, 2. Umwelt- und Chemikalienmanagement sowie 3. nachhaltige Naturfasern setzen.  Die Roadmaps wurden von einem externen Dienstleister auf ihre Plausibilität geprüft. Leider haben nur 20 von rund 90 Unternehmen (ca. 22 Prozent) ihre Roadmaps in diesem Jahr freiwillig veröffentlicht, obwohl eine deutlich größere Zahl von der Wirtschaft zugesichert worden war. Zudem sind andere Mitglieder dieser Roadmappflicht nicht nachgekommen, sodass dieses Jahr rund 40 Mitglieder das Bündnis verlassen haben oder ausgeschlossen wurden. Dies war ein notwendiger Schritt, um die Glaubwürdigkeit des Bündnisses zu gewährleisten. Es ist jedoch bedenklich, dass so viele Mitglieder sich der Roadmap-Erstellung nicht gestellt haben. Von den 21 NROs im Textilbündnis haben immerhin 13 (ca. 62 Prozent) ihre Roadmaps veröffentlicht.

Die veröffentlichten Roadmaps der Unternehmen haben ein sehr unterschiedliches Ambitionsniveau aufgezeigt. Wichtige Bündnisziele wie zum Beispiel existenzsichernde Löhne werden zwar von einigen Unternehmen erwähnt, jedoch ohne anspruchsvolle und klar messbare Ziele zu formulieren. Der Ausschluss von Diskriminierung u.a. von Frauen sowie die Gewährleistung von Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz werden in den veröffentlichten Roadmaps kaum erwähnt. Nur wenige Unternehmen setzen sich Ziele zur Offenlegung ihrer Lieferketten. Zudem ist bei zahlreichen Zielsetzungen der Abdeckungsgrad, also der Anteil an Lieferanten, die mit einer Maßnahme erreicht werden sollen, nicht ersichtlich. Dadurch kann nicht nachvollzogen werden, ob das Ziel nur Pilotprojekte betrifft oder alle Lieferanten umfasst. Durch die Veröffentlichung von Roadmaps wurde deutlich, dass das Textilbündnis verpflichtende Vorgaben an Zeit- und Mengenzielen für die Zielformulierung sowie für die inhaltlich abzudeckenden Themen braucht. Dafür haben wir uns im Prozess stark gemacht und es ist ein Erfolg, dass sich im November der Steuerungskreis auf verpflichtende, für alle Mitglieder gültige Zeitziele geeinigt hat. Auch wenn die Zivilgesellschaft hier in zähen Verhandlungen für ambitioniertere Ziele gekämpft hat, ist die Einigung auf Zeit- und Mengenziele doch als Schritt nach vorn zu sehen, denn sie geben dem Textilbündnis einen verbindlicheren Charakter. Und es wird deutlicher, was von einem Mitglied im Rahmen des unabhängigen Monitoringprozesses verlangt wird.

Was noch fehlt: ein überzeugendes Kontrollsystem

Ab 2018 besteht eine Veröffentlichungspflicht für alle Roadmaps. Die verpflichtende Veröffentlichung ist eine zentrale Errungenschaft der Zivilgesellschaft, da dadurch die Aktivitäten jedes Mitglieds in der Öffentlichkeit nachvollzogen werden können. Im Jahr 2018 steht auch das erste Mal die Fortschrittsberichterstattung an. Die Veröffentlichung der Fortschrittsberichte ist erst ab 2019 verpflichtend. Die Zivilgesellschaft setzt sich dafür ein, dass der externe Dienstleister dabei durch ein Gremium begleitet und kontrolliert wird, das über inhaltliche Kompetenz verfügt und aus den im Textilbündnis vertretenen Akteursgruppen gebildet wird (ein sog. Multi-Stakeholder Gremium). Dies wird notwendig sein, da bei vielen Zielsetzungen ein Entscheidungsspielraum bestehen wird, um zu beurteilen ob ein Ziel erreicht wurde oder nicht. Die erste Runde der Plausibilitätsprüfung hat gezeigt, dass dieser Entscheidungsspielraum nicht einfach dem externen Dienstleister überlassen werden kann, da dieser nicht den Auftrag hat, inhaltliche Einschätzungen vorzunehmen, sondern eher formal prüft. Aus unserer Sicht muss für diese Aufgabe ein Multi-Stakeholder-Gremium eingesetzt werden. Wichtig wird auch sein, dass die Mitglieder nicht nur über ihre unternommenen Aktivitäten, sondern vor allem auch über die Wirkungen dieser Aktivitäten öffentlich berichten.

Weitere Schwerpunktthemen für das Jahr 2018 werden die Arbeit zu existenzsichernden Löhnen, Beschwerdemechanismen sowie zur Transparenz über die Lieferketten der Mitgliedsunternehmen sein. In diesen drei Bereichen will das Bündnis signifikante Fortschritte erreichen.

Weiterhin fordert die Zivilgesellschaft, dass das Textilbündnis von der nächsten Bundesregierung durch gesetzliche Maßnahmen zu Offenlegungspflichten für die Lieferketten sowie zu menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten für die Textilwirtschaft ergänzt wird. Dadurch würden alle Unternehmen zur Verantwortung gezogen und das Engagement läge nicht nur bei den 50 Prozent, die derzeit Mitglied im Textilbündnis sind.

 

Stand: 7.12.2017. Bonn.


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