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27.11.2018: Tränen, Mut und Solidarität – ein Rückblick auf die Vortragsreise „Stoppt die Ausbeutung“ im November 2018

Die Teilnehmer_innen des Symposiums aus den Produktionsländern kamen u.a. Bangladesch, Bulgarien, Indien, Indonesien, Kambodscha, Myanmar, Türkei und Ukraine. Foto: © FEMNETDie Teilnehmer_innen des Symposiums aus den Produktionsländern kamen u.a. Bangladesch, Bulgarien, Indien, Indonesien, Kambodscha, Myanmar, Türkei und Ukraine. Foto: © FEMNETDie weltweite Nachfrage nach Bekleidung wächst und wächst. Damit die Preise im Fast Fashion Segment möglichst niedrig bleiben, sucht die Industrie nach den billigsten Arbeitskräften und findet sie vor allem in Asien: Bangladesch ist heute der zweitgrößte Exporteur von Kleidung weltweit und immer mehr deutsche Unternehmen fordern ihre chinesischen Lieferanten auf, in Myanmar produzieren zu lassen, da es dort billiger ist als in China. Auf Einladung von FEMNET waren im November 2018 zwei Frauen aus den beiden Ländern in Deutschland zu Gast, um von der Situation vor Ort zu berichten und von ihrem Kampf für bessere Arbeitsbedingungen.

 

Die Referentinnen

Khin Nilar SoeKhin Nilar Soe, genannt Soe Lay, ist die stellvertretende Generalsekretärin der Industrial Workers Federation of Myanmar (IWFM) sowie Vorsitzende der Gewerkschaft Yangon Regional Industrial Workers Union. Soe Lay arbeitet in einer Bekleidungsfabrik und setzt sich auch dort für die Arbeitsrechte ihrer Kolleg_innen ein, indem sie mit Vertreter_innen von internationalen Markenherstellern, Fabrikmanagern und –besitzern verhandelt. Sie berichtet aus erster Hand von ihrer Erfahrung und den Schwierigkeiten in der boomenden Bekleidungsbranche: Nach Jahrzehnten politischer und wirtschaftlicher Abschottung hat sich Myanmar seit 2011 langsam geöffnet, sodass namhafte deutsche und internationale Konzerne wie Aldi, H&M, GAP und Primark nun Kleidung aus Myanmar beziehen. Doch auch hier werden Hungerlöhne gezahlt, Gewerkschaften unterdrückt und Frauen massiv diskriminiert.

Kalpona AkterKalpona Akter ist eine der bekanntesten Aktivistinnen Bangladeschs. Bereits mit 12 Jahren begann sie mit der Arbeit in Bekleidungsfabriken. Wegen ihres gewerkschaftlichen Engagements wurde sie später jedoch entlassen und bald auf die „schwarze Liste“ der Fabriken gesetzt. Dennoch hat sie immer weitergekämpft. Seit dem Jahr 2000 arbeitet Kalpona in Vollzeit als Aktivistin. Sie ist Geschäftsführerin des Bangladesh Center for Worker Solidarity (BCWS), das sich für Arbeitsrechte in der Bekleidungsindustrie einsetzt. 2010 saß sie dafür einen Monat im Gefängnis. Für ihr unermüdliches Engagement wurde sie 2016 mit dem Alison Des Forges Award von Human Rights Watch ausgezeichnet.

 

 

Der Kampf um höhere Löhne

Die Löhne in Bangladeschs Bekleidungsindustrie gehören zu den niedrigsten auf der ganzen Welt. Die Arbeitsbedingungen haben sich seit dem Einsturz des Rana Plaza Gebäudes im April 2013 mit über 1100 Toten und 2500 Verletzten nicht wesentlich verbessert. Durch das Gebäude- und Brandschutzabkommen Accord hat zwar die Sicherheit für die Arbeiterinnen vor einem Einsturz oder vor Brand zugenommen. Doch damit sind nicht Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen, massive Überstunden und Gewerkschaftsverfolgung verschwunden. Als im Dezember 2016 Tausende Arbeiter_innen für einen höheren Mindestlohn streikten, schlugen Fabrikbesitzer und Regierung unbarmherzig zurück, um die Arbeiter_innen und Gewerkschaften einzuschüchtern. 600 Arbeiter_innen und Gewerkschafter_innen wurden angeklagt, 1500 wurden einfach gefeuert, Dutzende inhaftiert. Nach langem Ringen um eine Erhöhung des katastrophal niedrigen Mindestlohns in der bangladeschischen Bekleidungsindustrie, hat die zuständige Kommission im September 2018 nun den zukünftig geltenden Mindestlohn verkündet: 8.000 Taka (etwa 82 Euro) – die Hälfte dessen, was die Gewerkschaften vor Ort forderten! Der Gesamtbetrag liegt nicht nur weit unter einer glaubwürdigen existenzsichernden Lohnschätzung, sondern kann de facto kaum als tatsächliche Erhöhung betrachtet werden, sondern eher als Ausgleich der Inflation in den vergangenen fünf Jahren.

Auch in Myanmar wurde in diesem Jahr der Mindestlohn auf 2,90 Euro pro Tag angehoben. Jedoch reicht das bei weitem nicht zum Leben und durch Ausnahmeregelungen für Auszubildende und Arbeiter_innen in der Probezeit wird der Mindestlohn häufig umgangen.

Mit diesem Thema setzten sich die beiden Gäste auch gleich zum Anfang ihrer Deutschlandreise auseinander: Im Rahmen des Symposiums der Zivilgesellschaft im Bündnis für nachhaltige Textilien zu existenzsichernden Löhnen in Berlin wurde die Frage nach praxisbezogenen Ansätzen zur Zahlung von Existenzlöhnen gemeinsam mit internationalen Partnern der Clean Clothes Campaign, Mitgliedern des Textilbündnisses sowie Gewerkschafter_innen und Expert_innen für Menschenrechte bei der Arbeit aus den Produktionsländern heiß diskutiert. Alle Unternehmen im Textilbündnis müssen ab 2019 an einer Maßnahme mitarbeiten, die darauf abzielt, Beschäftigten in Produktionsländern existenzsichernde Löhne zu zahlen.

Einen Schwerpunkt der Rundreise bildete die Aufklärung von Studierenden, die sich in ihrer zukünftigen beruflichen Praxis mit Mode, Management oder Bildung beschäftigen werden. Manager_innen, Designer_innen und Bekleidungstechniker_innen müssen über die globalen Produktionsketten informiert sein, denn sie entscheiden über umweltgerechte und soziale Arbeitsbedingungen in der internationalen Modeindustrie, angehende Lehrer_innen sind wichtige potentielle Multiplikator_innen für diese Themen, die auch Kinder und Jugendliche beschäftigen. Insgesamt wurden Vorträge an fünf Hochschulen vor über 250 Studierenden gehalten sowie die Fachkonferenz „International Conference on Sustainability & Responsibility“ der Cologne Business School besucht, die sich an Studierende und Lehrende im CSR Management richtete.

Der gefährliche Alltag der Näherinnen

Eines der wiederkehrenden Themen war das drohende Aus für den sogenannten Bangladesh ACCORD, dem Abkommen für Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesch. Als Reaktion auf die Katastrophe von Rana Plaza gegründet, will die bangladeschische Regierung zum 30. November die Weiterarbeit des ACCORD beenden. „Wir brauchen den ACCORD, denn dieser hat enorme Veränderungen bewirkt“, sagt Kalpona Akter. „Das Leben unserer Arbeiter_innen steht auf dem Spiel!“

„Fast Fashion kills!“ Tausende Näher_innen sind in den letzten 15 Jahren in den Textilfabriken Bangladeschs gestorben – das muss ein Ende haben, fordert Kalpona Akter. Foto: © Wolfgang Sudmeier„Fast Fashion kills!“ Tausende Näher_innen sind in den letzten 15 Jahren in den Textilfabriken Bangladeschs gestorben – das muss ein Ende haben, fordert Kalpona Akter. Foto: © Wolfgang Sudmeier

Auch der Alltag in den Fabriken ist ein spannendes Thema für die Studierenden. Soe Lay berichtet von ihren eigenen Erfahrungen: „Ich habe im Jahr 2000 angefangen in der Fabrik zu arbeiten, da war ich 17 Jahre alt“, berichtet Soe Lay. „Es gab damals viele, die noch jünger waren als ich und in den Fabriken gearbeitet haben. Es gab praktisch keine Arbeitsgesetze während des Militärregimes, darum gab es sehr viel Kinderarbeit. Ich habe meistens 13 Stunden am Tag gearbeitet, an sechs oder sieben Tagen in der Woche. Dafür habe ich ungefähr 10 Euro im Monat bekommen. Das war natürlich überhaupt nicht genug. Ich habe mit meinen Eltern und meinen Geschwistern zusammengewohnt, sodass wir uns alle die Miete teilen konnten. Trotzdem mussten wir ständig Schulden machen, weil das Geld am Ende des Monats nicht zum Überleben gereicht hat.

Die Studierenden hatten viele Fragen an die Gäste, das Feedback fiel insgesamt sehr positiv aus und hat an vielen der Hochschulen auch nach dem Vortrag noch für Gesprächsstoff gesorgt: „…man konnte fast eine Stecknadel fallen hören, so konzentriert und gleichermaßen bewegt lauschten die etwa 80 Studierenden den beiden Aktivistinnen aus Bangladesh und Myanmar. […] Eine gelungene Veranstaltung mit mutigen Frauen, die mit Sicherheit viele Studierende zum Nachdenken angeregt hat.“ (Zitat aus dem Bericht zur Veranstaltung am Euro-Business-College (EBC) in Hamburg).

Gewerkschaftsarbeit und Gewalt

Auch im Rahmen von drei öffentlichen Veranstaltungen in Hamburg, Paderborn und Bonn, die über 300 Menschen erreichten, besteht reges Interesse an der Situation der Näherinnen und daran, wie sich die Frauen für ihre eigenen Rechte einsetzen:

„Im Jahr 2009 haben wir angefangen zu protestieren, weil wir von unserem Lohn einfach überhaupt nicht leben konnten. Das war damals noch unter der Militärdiktatur, d.h. es gab überhaupt keine Gewerkschaften, sondern wir haben uns selber organisiert“, berichtet Soe Lay. „Mittlerweile haben wir es geschafft, eine Gewerkschaft zu gründen. Als ich in der Gewerkschaft angefangen habe, haben die Chefs versucht, mich einzuschüchtern, um mich loszuwerden. Sie haben mir immer mehr Arbeit gegeben, sodass ich doppelt so viel arbeiten musste und die Aufseher haben meinen Kolleginnen verboten, mit mir zu reden. Manchmal heuert das Management auch Schlägertrupps an, um Leute einzuschüchtern, die streiken wollen. Aber zu wissen, dass meine Arbeit vielen Menschen ein besseres Leben ermöglichen kann, ist mir wichtig. Meine Arbeit ist nicht nur für mich, sondern auch für meine Kolleginnen – das gibt mir Kraft. Deswegen kämpfen wir weiter gegen Arbeitsrechtsverletzungen und gegen Übergriffe, zum Beispiel wenn Aufseher die Näherinnen anschreien, beleidigen, beschimpfen, anfassen, kneifen oder schlagen.“

Die Gewerkschafterin Soe Lay (links) und Übersetzerin Ohnmar Khin berichten vom Kampf für bessere Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie Myanmars. Foto: © Wolfgang SudmeierDie Gewerkschafterin Soe Lay (links) und Übersetzerin Ohnmar Khin berichten vom Kampf für bessere Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie Myanmars. Foto: © Wolfgang Sudmeier

Auch Kalpona Akter berichtet von derartigen Übergriffen gegen Frauen: „Arbeiterinnen werden zum Schweigen gebracht, in den Fabriken und zu Hause – durch Gewalt oder Drohungen. In den Fabriken sind wir sexueller Belästigung durch Vorgesetzte ausgesetzt und uns wird gesagt, dass wir wertlos sind. Deswegen traut sich fast keine der Frauen, über ihre Erfahrungen zu sprechen.“ Mit der Unterstützung von FEMNET setzt sie sich nun mit einem Projekt für betroffene Frauen ein – und dafür, dass Gewalt am Arbeitsplatz verhindert wird. „Die Solidarität zwischen Frauen ist wichtig, um das Schweigen zu brechen!“

Solidarität ist die Lösung

Auch in der zweiten Woche ging es viel um Solidarität, vor allem der wichtigen Zielgruppe Schülerinnen und Schülern: Die rund 800 Kinder und Jugendliche an vier Schulen in Bonn und Köln zeigten sich sehr interessiert und berührt von dem Besuch der Gäste aus Bangladesch und Myanmar. Ohne Scheu meldeten sie sich vor der versammelten Aula zu Wort und stellten Fragen, die je nach Alter von „Womit spielen denn die Kinder in Bangladesch, wenn die Eltern kein Geld für Spielzeug haben?“ hin zu „Warum werden die Fabrikbesitzer und Aufseher nicht verhaftet, wenn sie gegen Arbeitsrechte verstoßen?“ reichten. Die meisten Wortbeiträge der Schüler_innen kreisten jedoch um die Frage „Was können wir tun, damit sich die Bedingungen verbessern?“

Hier konnte Sina Marx als Referentin von FEMNET viele Tipps geben, zum einen wie sich der eigene Klamottenkonsum nachhaltiger gestalten lässt, aber auch wie Jugendliche aktiv werden können, um sich auch politisch für faire Arbeitsbedingungen zu engagieren. Denn Veränderungen sind vor allem dann möglich, wenn Menschen entlang der gesamten Lieferkette sich dafür stark machen. „Ja genau“,erklärt Kalpona Akter. Wenn wir in den Produktionsländern von unten und ihr in den Ländern, wo Kleidung konsumiert wird, von oben Druck auf die Unternehmen macht, das bringt am meisten. Ich nenne es das Sandwich-Prinzip!“

„Wo kann ich einkaufen und was kann ich sonst noch tun?“ Sina Marx von FEMNET erklärt, wie jede_r selbst aktiv werden kann. Foto: © FEMNET„Wo kann ich einkaufen und was kann ich sonst noch tun?“ Sina Marx von FEMNET erklärt, wie jede_r selbst aktiv werden kann. Foto: © Vanessa Püllen/FEMNET

Die Schüler_innen kommen nach dem Vortrag zu uns, bitten um gemeinsame Fotos mit den Gästen, einige sind total aufgeregt, denn sie kennen Kalpona Akter aus ihrem Englischbuch, eine Berühmtheit zu Gast in der eigenen Schule! Die Begeisterung ist auf beiden Seiten groß: „Wow, ich wusste gar nicht, dass ich in Deutschland in einem Schulbuch zu sehen bin!“ Die Jugendlichen sind aber auch schockiert, einige haben Tränen in den Augen. „Es ist total krass, wenn man so hört, wie schrecklich die Situation der Frauen ist, die unsere Klamotten nähen. Und wie mutig die sind!“ Viele sagen, dass sie in Zukunft etwas dafür tun wollen, dass die Situation sich verbessert.

In jedem Fall hat der Besuch der Frauen viel bewegt. Mit Soe Lay und Kalpona Akter konnte FEMNET zwei beeindruckende Referentinnen gewinnen, die aufzeigten, dass niemand von uns passiv bleiben muss oder sollte: Weder als Produzent_innen noch als Konsument_innen sind wir gezwungen, die Situation so hinzunehmen, wie sie ist. Wir können viel bewegen, vor allem gemeinsam:

Solidarity works!

Sie möchten die Arbeit der Frauen unterstützen? FEMNET unterstützt Kalpona Akter und ihre Organisation in Bangladesch bei der Abschaffung von Gewalt und sexuellen Übergriffen am Arbeitsplatz und bei der Gründung von Fabrikkomitees. Diese klären Frauen über ihre Rechte auf, unterstützen sie bei der Organisation ihrer Interessen und bieten einen Beschwerdemechanismus bei Übergriffen.

Spenden Sie für unser Projekt gegen Gewalt an Frauen - jede Spende wirkt. Stichwort: Schluss mit der Gewalt!

 

Stand: 11/2018