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22.02.2018: Die Schattenseiten des Booms – Aktivist_innen aus Myanmar berichten über Arbeitsrechtsverletzungen im neuen Musterland der Investoren

Teilnehmer_innen der Informationsveranstaltung in Bonn. Foto: © FEMNETTeilnehmer_innen der Informationsveranstaltung in Bonn.
Foto: © FEMNET
“Made in Myanmar” prangt immer häufiger auf den Etiketten von Hosen, Hemden und Jacken. Die Textilindustrie im Land boomt, Weltmarken wie Adidas oder H&M lassen in dem südostasiatischen Staat produzieren – unter fragwürdigen Bedingungen. Über die Schattenseiten des bei Investoren gelobten Musterlandes Myanmar berichteten Arbeitsrechts-Aktivist_innen auf Einladung von FEMNET am 22. Februar 2018 im Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) vor über 30 Interessierten in Bonn.

Die Gewerkschafterin Myo Myo Aye (49) von Solidarity for Trade Union Myanmar (STUM) und der Aktivist Thurein Aung (42) von Action Labor Rights (ALR) schilderten eindrücklich die problematischen Bedingungen, die am Standort Myanmar herrschen: Näher_innen werden entlassen, sobald sie versuchen, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Frauen werden diskriminiert, Hungerlöhne, lange Arbeitszeiten, erzwungene und unbezahlte Überstunden sind an der Tagesordnung. Sogar Kinderarbeit ist üblich.

Gewerkschafterin Myo Myo Aye von Solidarity for Trade Union Myanmar (STUM). Foto: © FEMNETGewerkschafterin Myo Myo Aye von Solidarity for Trade Union Myanmar (STUM). Foto: © FEMNETNoch bewegt sich die frühere Militärdiktatur nur in kleinen Schritten Richtung Demokratie. Die Bemühungen führten immerhin dazu, dass USA und EU ihre Handelssanktionen 2012 aufhoben. Seitdem wächst die Bekleidungsindustrie rasant. Heute gibt es etwa 700 Textilfabriken – rund 70 Prozent sind in den Händen fremder Investoren, insbesondere aus asiatischen Ländern wie China, Singapur oder Japan.  Westliche Einkäufer fordern ihre chinesischen Produzenten auf, eine Fabrik in Myanmar aufzumachen, denn dann ist die Ware gleich viel billiger als aus China, weil zum einen die Löhne niedriger sind und zum anderen die EU – anders als bei China - keine Zölle (immerhin rund 17Prozent) erhebt.

 

Die Besitzer aus der Ferne stellen laut Aye und Aung ein großes Problem dar, denn in ihren Fabriken würden Arbeitsrechte häufiger verletzt als bei lokalen Produzenten – was vor allem an den Sprachschwierigkeiten  zwischen Beschäftigten und Management liege. Schlechte Arbeitsbedingungen herrschten allerdings in allen Fabriken. „Wenn wir die Firmen mit den Fakten konfrontieren, versuchen sie, die Wahrheit zu verschleiern, und entziehen sich so der Verantwortung“, sagte Aung. Insbesondere bei den niedrigen Löhnen verwiesen Unternehmen gerne auf den gesetzlichen Mindestlohn, der nun von umgerechnet 2,20 auf 2,88 Euro pro Tag angehoben werden soll. Aber selbst dieser reicht laut Aung nicht zum Leben: „Die Lebenshaltungskosten in Myanmar sind sehr hoch. Von dem Mindestlohn können Arbeiter_innen gerade einmal Lebensmittel und Unterkunft bezahlen – für Gesundheit und Bildung bleibt nichts übrig.”

Thurein Aung von Action Labor Rights (ALR). Foto: FEMNETThurein Aung von Action Labor Rights (ALR). Foto: FEMNETUnter den prekären Produktionsbedingungen leiden vor allem Frauen – denn über 90 Prozent der 400.000 Beschäftigten in den Textilfabriken sind weiblich. Sie werden nicht nur ausgebeutet, sondern sind laut Gewerkschafterin Aye auch Opfer von Gewalt am Arbeitsplatz: „Die Gewerkschaft hat Beweise für Vergewaltigungen, Schläge und andere Formen sexueller Belästigung. Aber es gibt keine Beschwerdeausschüsse auf Fabrikebene. Das heißt, die Arbeiterinnen müssen zur Polizei und dann vor Gericht gehen. Aber das machen die wenigsten, weil sie es sich nicht leisten können, Urlaub zu nehmen oder einen Anwalt zu engagieren.“

Die Diskriminierung der Frauen zieht sich wie ein roter Faden durch die Gesellschaft. „Frauen müssen zurückstecken, sie sollen lediglich ihren Mann unterstützen“, berichtete Aye. „Auch in Gewerkschaften sind Frauen an der Spitze nicht erwünscht.“ Gewerkschaftsarbeit in Myanmar ist zudem nach wie vor gefährlich: „Wer sich gewerkschaftlich organisiert, riskiert eine Entlassung oder landet sogar auf einer schwarzen Liste – bekommt also auch in anderen Fabriken keine Arbeit mehr“, sagte Aung.

Gisela Burckhardt, FEMNET Vorstandsvorsitzende, fordert Unternehmen auf, ihre Lieferanten in Myanmar zu verpflichten, Gewerkschaften in den Fabriken zuzulassen und Frauendiskriminierung zu verhindern. „Es ist ein Unding, dass es keine Beschwerdemechanismen in den Fabriken gibt und Frauen zur Polizei gehen müssen, wenn sie in der Fabrik geschlagen werden.“

Die Aktivist_innen besuchten die Niederlande auf Einladung der NGO Somo (Centre for Research on Multinational Corporations) und wollten auch in Deutschland mit Unternehmen sprechen und die Öffentlichkeit informieren. FEMNET hatte daher zu der Veranstaltung eingeladen.

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