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20.09.2018: Erste vorläufige Einschätzung der abgegebenen Roadmaps von Unternehmen im Textilbündnis

von Gisela Burckhardt

Der Steuerungskreis des Textilbündnisses in Köln 2018. 3.v.r. Gisela Burckhardt. Foto: © Bündnis für nachhaltige TextilienDer Steuerungskreis des Textilbündnisses in Köln 2018. 3.v.r. Gisela Burckhardt. Foto: © Bündnis für nachhaltige Textilien Jedes Mitglied des Textilbündnisses musste einen Maßnahmenplan (Roadmap) erstellen und erstmalig in diesem Jahr veröffentlichen, wie es zur Verbesserung der sozialen und ökologischen Bedingungen in der Lieferkette im Jahr 2018 beitragen will (FEMNET-Maßnahmenplan und Fortschrittsbericht als PDF-Dateien). Die Roadmaps werden von externen, unabhängigen Dienstleistern überprüft und auf der Website des Textilbündnisses veröffentlicht. Derzeit hat das Textilbündnis rund 130 Mitglieder, davon 79 Unternehmen, die trotz einiger Austritte knapp die Hälfte des Bekleidungsumsatzes in Deutschland darstellen. Marken und Handel mussten Maßnahmen für zehn verbindliche Ziele planen, sechs Ziele wurden zusätzlich empfohlen, darüber hinaus konnten sie sich freiwillige Ziele setzen.

Die Roadmaps geben Auskunft, aus welchen drei Hauptproduktionsländern die Unternehmen Waren beziehen und welche drei Hauptabsätzmärkte sie haben.

Mangelnde Transparenz

Noch haben nicht alle ihre Roadmap eingereicht bzw. warten auf die Akzeptanz durch die externen Prüferinnen. Schaut man sich die veröffentlichten, von den Prüferinnen akzeptierten Roadmaps an, hat man zunächst erst einmal Probleme, sie zu verstehen. So heißt es, dass einige Unternehmen einzelne verbindliche Ziele schon erreicht haben, doch weiß man nicht welche. Die Darstellung ist intransparent. Dies kann man nicht den Unternehmen anlasten, sondern es ist ein Fehler der Darstellung. Dass allerdings die Antworten auf Fragen des zugrunde liegenden Fragerasters (Baseline) nur auf freiwilliger Basis veröffentlicht werden, liegt an der Haltung von Teilen der Wirtschaft, die Transparenz scheut. Der Steuerungskreis hat im September 2017 für die Schlüsselbereiche menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten detaillierte Fragen auf verschiedenen Ebenen verabschiedet, die ein Unternehmen bei der Erstellung seiner Roadmap beantworten sollte. Die Antworten können aber nur die externen Prüferinnen einsehen. Veröffentlicht werden in der Regel nur 1-2 kurze Sätze. Ohne Erläuterung bleiben die Angaben sehr allgemein. So ist für Außenstehende nicht nachvollziehbar, ob ein Ziel anspruchsvoll ist oder nicht, da man ja nicht weiß, wo das Unternehmen steht. Nur die externen Prüferinnen haben Einblick in die Baseline und können  beurteilen, wie ambitioniert das Ziel im Vergleich zum Status Quo ist.

Unternehmen können aber freiwillig ihre Baseline veröffentlichen, dies haben z.B. Otto, Esprit, Hugo Boss und REWE gemacht, dadurch wird ihre Roadmap wesentlich leichter nachvollziehbar und verständlich. Leider haben nur wenige Unternehmen diesen Schritt in die Transparenz gewagt.

Auch die Nachweise für die Zielerreichung bei den Fortschrittsberichten werden nicht veröffentlicht, nur die externen Prüferinnen sehen sie. Dieser Mangel an Transparenz ist nicht nachvollziehbar, denn Unternehmen veröffentlichen ja auch sonst Nachhaltigkeitsberichte, und es geht hier nicht um wettbewerbsrelevante Informationen.

Sehr formale Prüfung

Kritisch ist die rein formale Prüfung zu sehen. Die unabhängigen Prüferinnen schauen allein darauf, ob es einen Fortschritt zwischen der Ausgangslage (Baseline) und der Zielsetzung für 2018 gibt. Dadurch wird das Anspruchsniveau nicht deutlich. Dies kann erst entstehen, wenn es klare Zielvorgaben mit zeitlichen Vorgaben gibt oder eben die Ausgangslage auch veröffentlicht wird. Nur im Bereich der nachhaltigen und Bio-Baumwolle wurden solche Zielvorgaben vorgegeben, bei allen anderen Indikatoren fehlen sie.

Verbindliche Ziele bei Baumwolle

Schaut man sich die verbindlichen Ziele an, ergibt sich ein unterschiedliches Anspruchsniveau.  Am einfachsten und augenfälligsten sind die Angaben zur Bereitschaft, den Anteil an nachhaltiger Baumwolle und Biobaumwolle zu steigern. So gibt adidas an, 100% seiner Baumwolle nachhaltig einzukaufen, aber 0% davon in Bioqualität. Auch KiK und s.Oliver tragen nichts zum Ziel der Steigerung des Einkaufs von Biobaumwolle bei. Einen hohen Bioanteil streben Hess Natur (99,8%) und Tchibo an (70%), Otto setzt sich ein Ziel von 1% Bio bei 85% nachhaltiger Baumwolle, Hugo Boss strebt 1% Bio bei 30% nachhaltiger Baumwolle an.

Verbindliche Ziele bei den Sozialstandards

Teilnehmer_innen eines Arbeitstreffens des Bündnisses in Köln 2018. Foto: © Bündnis für nachhaltige TextilienTeilnehmer_innen eines Arbeitstreffens des Bündnisses in Köln 2018. Foto: © Bündnis für nachhaltige TextilienHier musste sich u.a. ein Ziel im Umgang mit Kinder- und Zwangsarbeit gesetzt werden. Einige Unternehmen verweisen lediglich auf ihre Policy oder das Zero Tolerance Protokoll von BSCI/Amfori, aber einige machen auch mehr: REWE will eine Risikoanalyse zu Hotspots von Zwangsarbeit durchführen oder Lidl will sein Verfahren durch einen unabhängigen Dritten überprüfen lassen. Dagegen drückt sich s.Oliver blumig unkonkret aus: man will den Prozess „vorantreiben“ und Maßnahmen „prüfen“. Aufgrund der oben beschriebenen mangelnden Darstellung gibt es auch viele Unternehmen, die das Ziel schon erreicht haben, wobei man aber nicht weiß wie. Es fehlt die Beschreibung und leider auch jeglicher Nachweis.

Ein anderes verbindliches Ziel beinhaltet Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung. Hier gibt es erfreulicherweise viele unterschiedliche Maßnahmen: von der Sensibilisierung der Einkäufer über die Wirkung der eigenen Einkaufspraxis auf  die Arbeitsbedingungen (z.B. Aldi), über Schulung der Produzenten (Hugo Boss, Otto) bis hin zu besseren Informationen über das Material der Kleidung für Verbraucher_innen (Esprit) oder über Recycling (C&A). Leider sind die Ziele nicht immer präzise und klar formuliert, was eine Vorgabe für die Zielformulierung war. Daher verwundert es teilweise, dass die externen Prüferinnen diese Ziele akzeptiert haben.

Insgesamt gibt es aber noch nicht ausreichend verbindliche Ziele bei den Sozialstandards. So sollen Maßnahmen für effektive Beschwerdemechanismen und existenzsichernde Löhne erst 2019 verbindlich werden. Maßnahmen zur Abschaffung der Frauendiskriminierung und geschlechtsspezifischer Gewalt am Arbeitsplatz fehlen noch völlig.

Empfohlene Ziele

Betrachtet man die empfohlenen Ziele fällt auf, dass diese nur von einigen Unternehmen gesetzt wurden (z.B. Aldi, C&A), dafür aber viele zusätzliche freiwillige Ziele, die das Unternehmen sich selbst setzen kann. Auf die Spitze treibt es Hugo Boss mit 75 Zielen, worunter 10 verbindliche und fünf empfohlene sind, der Rest sind frei gewählte. Hugo Boss beantwortet alle Fragen der Baseline und veröffentlicht sie, das Unternehmen zeigt hier Transparenz. Allerdings ist die große Anzahl an Zielen auch sehr kleinteilig und teilweise doppelt genannt worden.

Die große Zahl an freiwilligen Zielen macht einerseits eine Vergleichbarkeit mit anderen Unternehmen unmöglich, andererseits zeigt es aber auch, dass die verbindlichen und empfohlenen Ziele für zahlreiche Mitglieder offenbar nicht ausreichend sind. So setzen sich einige Unternehmen Ziele, die erst 2019 verbindlich werden: so z.B. Ziele für die Zahlung existenzsichernder Löhne oder das Aufsetzen von Beschwerdemechanismen; es ist erfreulich, dass hier schon einiges geplant wird, obwohl es noch nicht verpflichtend ist.  Andererseits sind die Angaben teilweise auch lächerlich, wenn sich Aldi z.B. nur das Ziel setzt, sich an der Expertengruppe zu existenzsichernden Löhnen im Rahmen des Textilbündnisses zu beteiligen und keine Maßnahmen bei den eigenen Zulieferern beginnt.

Gerade die empfohlenen Ziele zeigen das Anspruchsniveau, z.B. ob ein Unternehmen bereit ist, seine Lieferkette offen zu legen oder ob es sich an einer Bündnisinitiative (BI) beteiligt. Bisher bestehen zwei Bündnisinitiativen, eine davon betrifft die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Spinnereien in Indien, die von FEMNET initiiert wurde. Vier Unternehmen beteiligen sich bisher daran (KiK, Otto, Tchibo, Hugo Boss). Viele Unternehmen sind nicht bereit, Geld und Zeit in eine BI zu investieren.

Fortschrittsberichte

Teilnehmer_innen eines Arbeitstreffens des Bündnisses in Köln 2018. Foto: © Bündnis für nachhaltige TextilienTeilnehmer_innen eines Arbeitstreffens des Bündnisses in Köln 2018. Foto: © Bündnis für nachhaltige TextilienIn diesem Jahr müssen die Fortschrittsberichte zwar eingereicht und von den Prüferinnen überprüft, aber noch nicht veröffentlicht werden. Im letzten Jahr wagten 19 Unternehmen den Schritt, ihre Roadmap zu veröffentlichen. In diesem Jahr haben bisher nur neun Unternehmen einen Fortschrittsbericht veröffentlicht, in dem sie berichten, inwiefern sie ihre selbst gesetzten Ziele für das Jahr 2017 erreicht haben oder nicht. (Adidas AG, Aldi, Gerry Weber, Kettelhack, Otto, Tchibo, Vaude, Primark, Sympatex).

Einige Fortschrittsberichte geben wenig Aufschluss über die tatsächlichen Aktivitäten, da einfach nur ein Haken bei der Zielerreichung veröffentlicht wird. Nachweise fehlen (z.B. Aldi). Anders ist es, wenn freiwillig ausführliche Erläuterungen hinzugefügt werden (z.B. Tchibo, VAUDE und Gerry Weber), Otto, Primark und adidas machen das nur spärlich. Sollten im nächsten Jahr auch so wenige Unternehmen Erläuterungen in ihren Fortschrittsberichten veröffentlichen, werden diese wenig Aufschluss über die tatsächlichen Aktivitäten der Unternehmen liefern.

Resumée

Insgesamt lässt sich zusammenfassen, dass ein erster wichtiger Schritt im Textilbündnis mit den verbindlichen Zielen und der verpflichtenden Veröffentlichung der Roadmaps gemacht wurde. Insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen, die keinen Nachhaltigkeitsbericht herausgeben, scheinen sich zum ersten Mal intensiver mit ihrer Lieferkette zu beschäftigen.

Es fehlt aber Transparenz, wenn die Ziele nicht anhand des Fragerasters (Baseline) erläutert werden. Es fehlen auch noch zahlreiche wichtige Ziele wie die Verhinderung der Diskriminierung der Näherinnen, die Unterstützung der Organisation der Beschäftigten oder auch Anti-Korruptionsmaßnahmen. Diese und weitere Ziele müssen in die folgenden Roadmaps verpflichtend aufgenommen werden.

So wie das Thema Nachhaltigkeit inzwischen jedes Unternehmen angeht, wird zukünftig auch Transparenz  gefragt sein. Verbraucher_innen, NGOs, Gewerkschaften wollen wissen, unter welchen Bedingungen Kleidung hergestellt wird. Mehr Unternehmen sollten sich daher bereit erklären, ihre Lieferkette offenzulegen und die Baseline sowie die Nachweise für ihre Ziele zu veröffentlichen.

Die Roadmaps sind aber nur Maßnahmen, zu denen sich ein Unternehmen verpflichtet, was aber bewirken sie genau? Nur wenige Unternehmen waren bereit, ihre Fortschrittsberichte zu veröffentlichen und wieder nur sehr wenige haben die Nachweise veröffentlicht. Auch hier fehlt Transparenz. Es ist zudem dringend nötig, dass die Wirkungen der Maßnahmen ermittelt werden, denn nur so wissen wir, ob und was sich für die Näherinnen vor Ort verbessert hat.

Bisher liefern die veröffentlichten Roadmaps nur bedingt Aufschluss darüber, wie sehr sich Unternehmen für Menschenrechte in ihren Lieferketten engagieren. Immerhin unterziehen sich die Mitglieder des Textilbündnisses dem Prozess der Roadmap-Erstellung, die hierzu benötigten Daten über ihre Lieferanten müssen erfasst werden. Sie decken allerdings nur die Hälfte des Deutschen Textilmarktes ab. Die andere Hälfte des Marktes stellt sich diesem Prozess nicht. Um somit den ganzen Markt zu bewegen, braucht es gesetzliche Regelungen für die Einhaltung von Menschenrechten in globalen textilen Lieferketten.

 

FEMNET ist Mitglied im Bündnis für nachhaltige Textilien FEMNET ist Mitglied im Bündnis für nachhaltige Textilien

Stand: 20.09.2018